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Eine Kirchturmuhr in der Mensa

Routiniert greift Philipp zur Kurbel, setzt sie auf die rechte Spindel und kurbelt das fĂŒnf Kilogramm schwere Aufzugsgewicht langsam in die Höhe. Das erste Mal zieht der junge Techniker aus der Klasse 9b des Gymnasiums Herkenrath die nach jahrelanger Arbeit fertiggestellte ĂŒbergroße Standuhr aus Stahl und Glas auf. Diese Uhr ist in einer Schule vermutlich etwas Einzigartiges. Das Projekt eine mechanische Uhr zu erbauen und diese öffentlich aufzustellen wurde vor mehr als fĂŒnf Jahren geboren. In der Technik-AG entstanden unter Anleitung von Joachim Pautz, Lehrer am Gymnasium Herkenrath, die ersten PlĂ€ne. SchĂŒlerinnen und SchĂŒler des Gymnasiums können in der AG den Umgang mit CAD (Computer Aided Design) erlernen. Bernhard Broll, ein Techniker der AG aus der Jahrgangsstufe Q1: „Ein Uhrwerk ist nichts anders als ein Getriebe mit einem letzten Element, das fĂŒr einen gleichmĂ€ĂŸigen und langsamen Ablauf sorgt. Das Pendel hat sich fĂŒr diese Aufgabe bewĂ€hrt und so haben wir ein Pendeluhrwerk geplant.

Nach der Planung haben wir die ZahnrĂ€der aus Buchensperrholz mithilfe der schuleigenen CNC-FrĂ€se ausgefrĂ€st und sie schließlich zu einem Uhrwerk zusammengesetzt.“ Erste Erfolge endeten jedoch in ErnĂŒchterung, denn das Uhrwerk litt unter Verlust von Antriebsenergie durch Reibung und blieb trotz Nachbesserungen in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden stehen. „Nach diesem Frust“ bemerkt Philipp Domingues, „konnten wir ĂŒber Kleinanzeigen ein Uhrwerk aus einer französischen Comtoise-Uhr aus den 1830er Jahren gĂŒnstig kaufen. Wir haben es gereinigt und leicht umgebaut, sodass unsere großen Zeiger, die wir selbst gemacht haben, ans Uhrwerk passen.“ Das Uhrwerk schlĂ€gt zur vollen und halben Stunde auf eine große Bronzeglocke. Es war schwierig die genaue Pendelfrequenz der Uhr zu ermitteln und ein NachzĂ€hlen aller ZĂ€hne des gesamten Uhrwerks ergab einen sehr seltsamen Wert: sie tickt in einer Stunde genau 3441 Mal. Mithilfe einer Smartphone-App lĂ€sst sich das Uhrwerk ĂŒber die VerlĂ€ngerung des Pendels mit einer Einstellschraube auf diese Frequenz einstellen. Das Uhrwerk lĂ€uft allerdings leicht wellenförmig, weil alle ZahnrĂ€der von Hand gefertigt worden sind und auch minimale UnregelmĂ€ĂŸigkeiten Auswirkungen haben. „Wir wollen die Abweichung auf unter fĂŒnf Sekunden pro Tag drĂŒcken“, so Philipp Domingues.

FĂŒr die meisten SchĂŒlerinnen und SchĂŒler werden Pendel und ZahnrĂ€der hinter Glas ein etwas rĂ€tselhafter Anblick sein, denn mechanische Uhrwerke gehören heute nicht mehr zur Lebenswelt.

Philipp hat inzwischen das Gewicht der Uhr ganz nach oben gekurbelt: „Wir haben einen Mechanismus ĂŒber Umlenkrollen eingebaut, sodass man die Uhr jetzt bequem von unten aufziehen kann.“  Das Uhrwerk hat 190 Jahre auf dem Buckel und sie wird noch Generationen von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern im Gymnasium Herkenrath die genaue Zeit anzeigen und vielleicht auch fĂŒr die Technik dahinter interessieren.

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