Ein Meisterstück der Klavierbaukunst benötigt unsere Hilfe

Als ich mein erstes Sommerkonzert in Herkenrath im Jahr 2011 besuchte, wunderte ich mich, dass auf der Bühne ein E-Piano eingesetzt wurde. Bei der Größe der Aula, ihrer Nutzung durch gleich zwei Schulen und mehrere Vereine ein erstaunlicher Befund. Ein hochwertiges Instrument, das dauernd auf der Aulabühne verfügbar ist, erschien mir sinnvoll und nicht als ein unangemessener Luxus.

Nachdem ich mein eigenes Haus 2014 beziehen konnte, konnte ich mir erstmals auch einen Wunsch erfüllen, der vorher nicht realistisch war: einen Flügel anzuschaffen. Mir wurde beim Blick in den Gebrauchtmarkt deutlich, dass Deutschland das Land der besten Klavierbauer gewesen sein muss. Trotz zweier Kriege und vieler Krisen haben sehr viele Instrumente die Zeiten bis heute überdauert. Viele Klavierbauer des 19. Jahrhundert sind allerdings dem Namen nach nur noch wenigen bekannt. Die Vielzahl der Hersteller hervorragender Instrumente wirkt regelrecht erschlagend.

Der Flügel in der technischen und klanglichen Gestalt, den wir heute kennen und schätzen, war um 1890 bereits voll entwickelt: in Deutschland hatten die meisten Klavierbauer bereits die sehr stabilen Vollpanzerrahmen, erfunden von Rönisch in Dresden, eingeführt und sie setzten auf die damals fortschrittliche Doppelrepetitionsmechanik. Diese erlaubt eine sehr schnelle Wiederholung von Anschlägen eines Hammers, selbst wenn die Klaviertaste noch  nicht vollständig in ihre Ausgangsposition zurückgekehrt ist. Neben dieser Mechanikart existierte bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts noch die halbenglische Mechanik (ebenfalls sehr gut, aber etwas einfacher als die Doppelrepetition) und die Wiener Mechanik, die auch ihre Qualitäten hat, heute aber eher unbeliebt ist.

Es muss nicht immer Steinway sein. Die Klavierbauindustrie in Deutschland ist fast völlig zusammengebrochen, der Markt ist sehr klein geworden. Das gesamte Bürgertum sah früher die Ausbildung wenigstens der Töchter im Klavierspiel als selbstverständlich an und die Klavierbauer  boten sehr gute Qualität auf verschiedenen „Komfortstufen“ an. Die Veränderungen der Wertewelt und die Vorstellungen von Erziehung und Musikgeschmack bewirken, dass Klavier und Flügel ihren obligatorischen Platz im Wohnzimmer bzw. Salon verloren haben. Wenige Namen begegnen uns heute in den Klavierhäusern. Mancher alte Name wurde erhalten, aber die Instrumente dazu stammen, keinesfalls schlecht gebaut, inzwischen aus Asien. Die Preise für Flügel aus europäischer Fertigung sind dagegen so astronomisch hoch, dass sie beim Blick in die Schaufenster eigentlich nur Lach- oder Weinkrämpfe auslösen können. Selbst schuld, wer glaubt, dass das, was man dort sieht, schon alles ist. Ich hatte Gelegenheit mir gebrauchte Instrumente anzuschauen, die aus Nachlässen stammen und regelrecht verscheuert wurden. Mein zweiter Flügel wurde mir schließlich für 200 EUR verkauft, ich hatte ihn nur auf Fotos gesehen, im Nachhinein war der Flügel ein ideales Ausgangsmaterial für eine Generalrestaurierung, die ich als mein Gesellenstück betrachte.

Generell lässt sich sagen, dass fast alle Instrumente, die mehr als 70 Jahre alt sind, Risse im Resonanzboden haben. Mancher denkt, dass das eine Katastrophe sei und der Flügel nur noch Schrott. Das ist ein großer Irrtum. Zunächst kann man einen Flügel günstig gebraucht kaufen und ihn am neuen Aufstellungsort reinigen und stimmen (es gibt dafür eine hervorragende Software) oder man lässt den Stimmer kommen. Wenn man mit dem Klang nicht ganz zufrieden ist, kann ein Abziehen der Hammerköpfe eine erste Maßnahme sein: Mit der Zeit werden Hammerköpfe vorne an der Aufprallstelle abgeplattet. Sie verlieren dadurch als Elastizität und erzeugen einen harten, knallenden Klang. Der Klavierbauer, aber auch jeder geschickte Laie, kann den Köpfen wieder eine Rundung durch Abschleifen des Filzes verleihen. Der Klang wird so weicher, die Dynamik kehrt zurück. Wenn man mit dem Klang nun zufrieden ist, dann reicht das Instrument für den Hausgebrauch meist aus. Wer mehr möchte, kann auch das Instrument eines unbekannten Klavierbauers zu einem Spitzeninstrument aufwerten. Hier würde man von einer Totalsanierung sprechen. Wenn Risse im Resonanzboden zu finden sind, ist das meist ein Ergebnis zu trockener Raumluft. Wenn die Saiten ohnehin schon 50 Jahre alt sind, dann wird man einen Neuaufbau in Betracht ziehen.

Die Risse des Resonanzbodens werden vom Druck der Saiten von oben zusammengedrückt. Sie verringern in ihrer Summe die Wölbung des Resonanzbodens und damit auch den Druck des Bodens nach oben. Die Bereitschaft in allen Frequenzen zu schwingen verringert sich. Die Risse können aber auch die Ausbreitung aller Frequenzen über die Fläche des Resonanzbodens behindert und den Klang verändern. Aber das ist alles nicht schlimm. Es gibt die Möglichkeit den Resonanzboden so gut zu restaurieren als hätte er nie einen Riss gehabt: Der Boden wird getrocknet, es werden lange, schmale Holzspäne in die zuvor ausgekratzten oder ausgefrästen Risse mit Knochenleim eingeleimt. Anschließend wird der Boden geschliffen und neu lackiert. Wenn der Steg noch in Ordnung ist, kann der Gussrahmen wieder einsetzt werden, der vorher herausgenommen wurde. Jetzt ist es Zeit für die neuen Saiten. Über Formeln lässt sich die Auswahl der Stahldurchmesser-Stufen der Blankseiten passend zur gewünschten, möglichst gleichmäßigen Saitenspannung gut ausrechnen. Um 1870 lag sie ungefähr bei 500 Nm, um 1900 schon bei 800 Nm und heute liegt sie bei 1200 Nm. Der Kammerton lag um 1900 bei A‘ = 435 Herz. Wer einen Flügel aus dieser Zeit auf heutige 442 Hz „hochzieht“ belastet den Rahmen stärker, der Stegdruck der Saiten nach unten wird größer. Das kann dem Volumen des Klangs schaden. Ein neuer  Saitenbezug wird sind am gewünschten Kammerton ausrichten. Viele wären erstaunt, wie schön ein Flügel bei 432 oder 435 Herz klingt.

Die Bass-Saitenbespannung kostet beim Saitenmacher für einen Flügel ungefähr 500 Eur. Die Saiten im Bass haben eine Umwicklung aus Kupfer, um ihre Gesamtgewicht über die schwingende Länge zu erhöhen und dadurch den gewünschten Ton zu erzeugen. Auch kurze Flügel können tief klingen, aber die Schönheit des Klangs lässt zu wünschen übrig, wenn die Seiten zu schwer gemacht werden müssen. Flügel unter 175 cm Gesamtlänge würde ich grundsätzlich nicht empfehlen. Da klingt manches Klavier besser.

Unser neuer Duysen ist 210 cm lang und gehört damit zu den Salonflügeln (darüber liegt die Konservatoriumsgröße ca. 230 cm  und der Konzertflügel 240 – 308 cm). Er ist im Ganzen gut erhalten, aber in den 90er Jahren nicht fachgerecht „restauriert“ worden. Der Resonanzboden weist nur einen versorgten Riss auf, der aber seitlich schon wieder gerissen ist, daneben finden sich sechs weitere Risse, von denen einer so groß ist, dass man eine Bankkarte durchstecken könnte. Um dem Flügel die für Duysen typische Wucht des Klangs vor allem im Bass zurückzugeben, müssen alle Seiten abgenommen werden und der Resonanzboden versorgt werden. Er ist vermutlich nach der letzten Sanierung in einer Wohnung „kaputtgeheizt“ worden. Neue Bass- und Diskantsaiten werden aufgezogen. Die vom Klavierbauer neu eingesetzten Hammerköpfe wurden vermutlich von ihm selbst kaputtgestochen. Hammerköpfe sollen beim Aufprall auf die Saite eine Elastizität zeigen wie ein Tennisball. Sie nehmen Energie auf, verformen sich und geben sie zeitversetzt wieder an die Seite zurück. Dabei prallen sie ab und gehen in ihre Ausgangslage zurück. Um einen nicht knallenden, aber dennoch brillanten Ton zu erzeugen ist es nötig, die Flanken des Hammerkopfes mit einem Nadelwerkzeug kontrolliert weich zu stechen, d.h. die ab Werk hohe Filzspannung des Kopfes an diesen Stellen zu schwächen, um der Hammerkopfspitze seitlich rechts und links eine Ausweichzone zu geben. Das ist eine mühevolle Arbeit. Der Klavierbauer hat aber, vielleicht um die Sache zu beschleunigen, auch den Hammerkopfscheitel genadelt. Das ist ein schwerer Fehler. Der Klang verliert sofort an Helligkeit, er wird dumpf und „matschig“. Genauso klang der Flügel direkt nach seiner Ankunft in Herkenrath.

Der Vorbesitzer, ein Berliner Arzt, bestritt am Telefon diesen Klangcharakter verlangt zu haben. Der Plan war zunächst eine Totalsanierung im Keller der Technik-AG durchzuführen. Dieser Keller ist aber zu feucht und zu kalt, um diese Arbeiten auszuführen. Alle Bitten an die Stadt einen Heizkörper (die Stränge sind gelegt) zu montieren, um eine möglichst gleichmäßige Temperierung zu erreichen, liefen ins Leere. So habe ich nun entschieden vorläufig eine provisorische Reparatur durchzuführen: Die ursprüngliche Stimmung von 435 Herz wurde auf 442 Herz angezogen und die Hammerkopfkuppen habe ich mit Hammerkopffestiger bearbeitet, was den Klang deutlich heller, härter, „moderner“ werden ließ. Mit einem speziellen, zangenartigen Instrument habe ich anschließend die Härten durch Nadeln der Hammerkopfflanken etwas gemildert und das Instrument insgesamt dreimal voll durchgestimmt. So präsentierte es sich in einem akzeptablen Zustand am Weihnachtskonzert. Aus dem oben Geschilderten ergibt sich, was nun gemacht werden muss, um dem Instrument die volle Klangschönheit zurückzugeben und es auf das Niveau zu heben, welches ein Berufspianist erwarten würde: Der Rahmen kommt heraus, der Resonanzboden wird restauriert, es wird eine neue Bespannung ausgerechnet und aufgezogen, es kommen neue Hammerköpfe hinein, die sorgsam nach heutigem Klangideal intoniert werden. Auch die Mechanik, die in einem sehr guten Zustand ist, wird bei dieser Gelegenheit fein nachreguliert. An der optischen Erscheinung wird dagegen nichts verändert. Der Flügel ist auch so schon hinreißend schön. Den Materialaufwand schätze ich auf 1500 EUR.

Ein Wort noch zur Geschichte der Firma. Jes Leve Duysen (1820-1903) gründete seine Klavierbaufirma 1860 in Berlin. In wenigen Jahren wurden seine Instrumente bekannt und berühmt, er erhielt einige Hoflieferanten-Titel. Um 1900 wurden pro Jahr 500 Instrumente gebaut, zur Hälfte Flügel und zur Hälfte Klaviere. In der Wirtschaftskrise der späten 20er Jahre wurde die Firma mit anderen Firmen fusioniert, die Marke erlosch 1955. Jeder Duysen-Flügel, den ich gesehen habe, zeigt Risse im Resonanzboden, vor allem im Bereich des Bass-Stegs. Dennoch zeichnen sich die Duysen-Flügel durch einen unvergleichlich voluminösen und warmen Klang sowie eine sehr gute Verarbeitungsqualität aus. Ein Duysen erscheint mir als das  Gegenteil eines Yamaha-Flügels im Blick auf das Klangideal, jedoch kann mit neuen Hammerköpfen auch ein Duysen ohne Probleme eine ähnliche „Brillanz“ erreichen, den man z.B. von Steinway gewöhnt ist. Ich meine allerdings, dass ein Flügel aus der Zeit um 1900 auch etwas anders klingen darf als ein heute produzierter.

Abschließend möchte ich zwei Bitten an Sie richten:

Erstens: Wenn Sie sich überlegen ein Klavier oder einen Flügel anzuschaffen, dann denken Sie darüber nach ein Instrument aus der Kaiserzeit zu kaufen und es gegebenenfalls restaurieren zu lassen. Chinesische Instrumente sind in ihrer Qualität deutlich angestiegen, aber sie erreichen das Niveau deutscher Klavierbaukunst der Zeit um 1900 nicht und werden nach einigen Jahren stark an Wert verlieren, was für ein voll restauriertes, deutsches Instrument nicht gilt. Und noch etwas zu den Klavierbauern: Blüthner, Bechstein, Grotrian, Schimmel mögen einige kennen. Aber kennen Sie Helmut Kohl, Wolfframm, Zierold, Schiedmayer, Duysen oder Lipp? Nein? Dann schauen Sie sich die erst einmal an und überlassen es vorläufig anderen für große Namen unverhältnismäßig viel Geld auszugeben. Es gibt auch heute noch Klavierbauer, die Ihnen aus einem „hässlichen Entlein“ einen strahlenden Schwan machen können.

Zweitens: Bitte spenden Sie uns einen kleinen Betrag unter dem Stichwort „Flügel“ an den Förderverein (IBAN DE89 3706 2600 3401 9830 14) , damit die Schülerinnen und Schüler der Technik-AG unter meiner Anleitung und Mithilfe die Arbeiten im Laufe des Jahres 2020 ausführen können.

Pautz

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