AußerschulischesInterviews

Ein Schuldezernent? Was ist das!?

Dr. Martin Kupsch
Alter: 54
Hobbies: joggen, skifahren, tauchen, Theater, Kunst, reisen, Familie
Familienstand: verheiratet, 3 Kinder

SCHOOL INSIDE (SI): Herr Kupsch, Sie sind schulpraktischer Dezernent in der Bezirksregierung in Köln. Was kann man sich darunter vorstellen?

Kupsch (K): Richtig, ich leite das Dezernat 43. Darunter fallen insgesamt 15 Gymnasien im Rheinisch-Bergischen Kreis und in Leverkusen. Darunter auch das Gymnasium Herkenrath. Zudem vertrete ich bestimmte Generalien, also Arbeitsbereiche fĂŒr den gesamten Regierungsbezirk Köln, und teilweise sogar fĂŒr das gesamte Land NRW. Dort bin ich zustĂ€ndig fĂŒr die evangelische und jĂŒdische Religionslehre.

SI: Können Sie Ihr Aufgabenfeld weiter umreißen?

K: Was die SchulzustĂ€ndigkeit angeht, begleite ich die jeweiligen Schulleitungen, um sicherzustellen, dass Schulen sich an die gemeinsamen Vorgaben halten. Außerdem unterstĂŒtze ich die Schulleitungen in ihren Schulentwicklungsphasen. Die Generalien fordern von mir, dass ich z.B. auslĂ€ndische SchĂŒler in das deutsche Schulsystem begleite und ich alle möglichen Beschwerden und Anfragen annehme und bearbeite.

SI: Wie sind Sie eigentlich Dezernent geworden?

K: Eigentlich ĂŒber das Fach, das ich unterrichtet habe, evangelische Religionslehre. FrĂŒher war ich Schulleiter, aber als dann eine Stelle fĂŒr genau dieses Fach ausgeschrieben wurde, habe ich mir gedacht, dass das der nĂ€chste Schritt sein könnte.

SI: Die aktuelle Debatte ĂŒber G8 und G9 scheint nie beendet zu sein. Wie sieht Ihre Haltung zu dem Thema aus?

K: ZunĂ€chst einmal muss ich sagen, dass ich als loyaler Beamter die Entscheidungen unserer Landesregierung umzusetzen habe. Zudem kann man durchaus einige Argumente fĂŒr G8 finden. So ist teilweise – von den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern, die ein Auslandsjahr oder Ähnliches machen, abgesehen – der Einstieg ins Berufsleben verkĂŒrzt worden. Auch kann man an den „neuen BundeslĂ€ndern“, die dieses zwölfjĂ€hrige System schon immer hatten, sehen, dass diese im nationalen Vergleich meistens gut abschneiden. Mein Anliegen ist jetzt aber noch, dass wir es schaffen, den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern neben den Arbeiten und dem Unterricht auch noch etwas Freizeit zu lassen.

SI: Viele unserer MitschĂŒler haben das GefĂŒhl, dass die LehrplĂ€ne trotz der SchulzeitverkĂŒrzung nicht gekĂŒrzt, sondern nur zusammengestaucht wurden. Was können Sie uns dazu sagen?

K: Das stimmt nur teilweise! Einerseits vermitteln wir natĂŒrlich unseren Kolleginnen und Kollegen, dass sie gewissen Stoff herausnehmen mĂŒssen, um tatsĂ€chlich genug Zeit zu haben. Aber oft wird nicht richtig abgewĂ€gt, ob ein Thema wirklich unverzichtbar ist oder nicht. Das Problem versuchen wir gerade zu lösen, ist aber eher eines auf der Schulebene und nicht auf der Landesebene, da diese nur grobe Vorgaben fĂŒr den Lehrplan macht.

SI: Man sieht bei den meisten PISA Studien, dass vor allem skandinavische LÀnder sehr gut abschneiden. Könnte man sich nicht bei denen etwas abgucken?

K: Das geschieht sogar schon. Es gibt immer wieder Reisen in diese gut abschneidenden LĂ€nder, um sich deren Systeme anzuschauen. Die asiatische Variante ist, denke ich, mal sowieso keine Option, aber auch unsere Nachbarn im Norden sind nur schwer mit dem deutschen System zu vergleichen, da natĂŒrlich auch die Bevölkerungsdichte viel geringer ist und weitere Faktoren gelten, die historisch begrĂŒndet sind. Außerdem stelle ich die Darstellung der Ergebnisse durch die Medien in Frage, da diese hĂ€ufig auf gut und schlecht beschrĂ€nkt wird und somit ein genaues Nachvollziehen des Abschneidens eines Landes nicht möglich ist.

SI: Wie war Ihr eigenes Schulleben?

K: Schule hat mich durchaus immer sehr interessiert, natĂŒrlich nicht jedes Fach, aber schon sehr viele. Gerade im Bereich der Oberstufe hat das auch noch einmal zugenommen. Ich hatte, glaube ich, alle Naturwissenschaften, aber auch Philosophie oder Politik. Also ich war schon ein sehr interessierter SchĂŒler und war auch gerne in der Schule.

SI: Welche Eigenschaften sollte fĂŒr Sie ein „perfekter“ SchĂŒler haben?

K: Also ganz wichtig ist natĂŒrlich das Interesse! Beispielsweise das zu erschließen, was uns umgibt. Ein zweiter Punkt wĂ€re es, zu lernen, sich selbst zu organisieren – also Schule und auch das restliche Leben in den Griff zu bekommen und auch Ziele zu entwickeln und zu wissen, was man machen möchte. Und als drittes Element ist auch der Humor sehr wichtig, aber auch der Umgang mit Menschen, beispielsweise KooperationsfĂ€higkeit oder Empathie.

SI: An welche besonderen Ereignisse aus Ihrer Schulzeit oder Lehrerzeit können Sie sich     erinnern?

K: Ein Beispiel aus der Schulzeit wĂ€re, dass wir Abiturienten an unserem letzten Schultag der Schule ein Auto geschenkt haben. So ’ne alte Kiste, die wir damals fĂŒr 100 Mark gekauft hatten und dann mit Hilfe des Reinigungspersonals in der Nacht ins Schulfoyer gestellt haben. Und dieses Auto wurde dann von einem Kunstlehrer mit einem Kurs umgestaltet. Also das war schon schön! Und ich habe auch noch eine Erinnerung an mein Referendariat. Da gab es mal einen Schulleiter, der meinte, er mĂŒsse den Oberchef raushĂ€ngen lassen, so nach dem Motto „Wenn Sie erste und zweite Stunde keinen Unterricht haben, dann haben Sie Bereitschaft“ und das war damals noch ohne bedarfsdeckenden Unterricht. Ihm war gar nicht klar, dass er zwar die Verantwortung hat, es aber ja Ausbildungsrichtlinien gibt. Mit dem habe ich mich dann richtig angelegt und ihm das einmal klar gemacht. Das war ein reines Machtspiel, was der Schulleiter gemacht hat.

SI: Welche Erfahrungen haben Sie denn mit unserer Schule gemacht?

K: Also, ich kenne eure Schule schon ziemlich lange. Ich habe ja 1998 angefangen als Seminarleiter (Anmerkung Redaktion: Ausbildungsleiter fĂŒr Referendare) und Herkenrath war immer eine meiner Hauptseminarschulen. Dann hatte ich die Schule acht Jahre lang als Hauptseminarleiter und von daher kenne ich zum Beispiel auch Herr Blazek und Herr BuschhĂŒter. Was immer faszinierend an dieser Schule war, dass der Zusammenhalt und das „Sich-umeinander-kĂŒmmern“ schon immer sehr groß war. Was mich immer etwas befremdet hat: Wenn man in den neugebauten Block hereinkommt, das ist dort ja total kahl. Das hatte immer den Charme einer Bahnhofshalle. Das verĂ€ndert sich ja aber im Moment zum GlĂŒck auch. Das war, glaube ich, mit das Erste, was Herr MĂŒller angefangen hat, zu verĂ€ndern.

SI: Wo sehen Sie unsere Schule in zehn Jahren? Haben Sie VerbesserungsvorschlÀge?

K: GrundsĂ€tzlich wĂŒnsche ich der Schule im Unterricht konsequent auf Individualisierung zu setzen, auch im Hinblick darauf, die SelbststĂ€ndigkeit zu fördern, zumal es ja mittlerweile so viele unterschiedliche Arten von SchĂŒlern gibt. Also, dass man sich anhand von Problemlösungen Wissen aneignet. Ein nĂ€chster Bereich wird wahrscheinlich auch die Herausforderung sein, wie man es hinbekommt – gerade auch vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Umbruchs und das wird auch in Herkenrath aufschlagen – dass wir hier in Deutschland eine Gesellschaft haben oder haben werden, die multikulturell, multiethnisch, multireligiös ist. Eben hier steht die Frage, wie man das sozial schafft – dass es eben nicht GrĂŒppchen gibt und alle immer weiter auseinanderdriften, sondern dass es immer noch ein Wir-GefĂŒhl gibt, ein „Wir gehören zusammen“ und „Wir leben miteinander“.

SI: Wir bedanken uns fĂŒr das Interview und Ihre Zeit!

K: Sehr gerne!

[Vivien Steng, Moritz Schubert]

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