„Corona-Ferien“ – Mein Leben als Lehrerin

Drei Wochen „Corona-Ferien“, allein dieses Wort klingt so absurd jetzt! Die drei Wochen waren alles andere als Freizeit. Mir kommt die Erinnerung in den Sinn, mit Schüler/-innen über den Begriff und die Möglichkeit der Aussetzung des Schulbetriebs gescherzt zu haben. Wie ahnungslos wir doch waren, wie das werden würde! Die Späße, wer sich „Corona-frei“ wünscht, scheinen jetzt weit in der Vergangenheit zu liegen, so viel ist seitdem auch beruflich geschehen.

Flashback zu Tag eins und zwei: Konferenzen, Teamsitzungen. Schulleitung und Kollegium treffen sich nun in der Aula, die wie für Klausuren arrangiert ist: Tische und Stühle sind gleichmäßig und mit großem Abstand verteilt, jeder von uns sitzt an einem Tisch. Viel Organisatorisches wird hier besprochen. Welche Informationen wir vom Ministerium und von der Bezirksregierung zum Thema Abitur bekommen haben, wie der Unterricht in Sekundarstufe I und in der Oberstufe zu erteilen ist. E-Learning auf Distanz. Vieles muss noch in der Schwebe bleiben:  Zum Beispiel sollen wir den Schüler/-innen Aufgaben erteilen, die möglichst selbstständig zu bearbeiten sind, andererseits sollen und wollen wir ja auch Ergebnisse einfordern, um unterstützend Hilfe zu geben. Auch den Datenschutz zu beachten ist eine der Herausforderungen. Wann kontaktiere ich Einzelne, wann die gesamte Lerngruppe? In welchen Fällen ist ein offener Verteiler überhaupt gestattet?

Bereits am ersten Tag werden im Kollegium schnell Tipps und Information untereinander ausgetauscht, wie Lehren und Lernen „auf Distanz“ funktionieren bzw. unterstützt werden kann durch Lernplattformen oder zum Beispiel durch die jetzt schnell eintreffenden Angebote der Schulbuch-Verlage. Wir treffen uns zu einer schulinternen ad-hoc Fortbildung in Sachen Moodle, unserer hauseigenen Plattform. Die Kapazität unserer dienstlichen E-Mails Accounts wird heraufgesetzt, um dem neuen Datenvolumen standhalten zu können.

Videokonferenzen scheinen aktuell eine attraktive Lösung, schnell ein Webinar zu „stricken“, bei dem man in den interaktiven Livekontakt treten kann. Videokonferenzen und damit verbunden das Teilen von Bildschirminhalten mit größeren Gruppen. Noch bevor die erste Woche vorbei ist, habe ich bereits erste Erfahrungen damit gemacht.

Was gut funktioniert, ist das Zeigen von Lerninhalten wie beispielsweise eine Folien-Präsentation, Bilder oder Textdateien. Auch Arbeitsergebnisse werden so besprochen. Das löst Hochgefühl aus: So kann der Unterricht auf Distanz funktionieren. Andererseits gibt es da auch technische Hürden. Viele Schüler/-innen benutzen ihr Handy als Gerät dafür. So können sie die Inhalte nicht genau so wahrnehmen, wie ich sie auf meinem großen Bildschirm sehe. Der Ton ist manchmal abgehackt. Man fragt sich ab und an, wie viel überhaupt ankommt am anderen Ende. Als Lehrer sind wir daran gewöhnt, auf die Körpersprache unserer Schüler/-innen zu achten. Diese Rückkoppelung fehlt. Was auch auffällt: Einige haben eine gewisse Kamerascheu, sind unsicher, einen Videostream von sich zu teilen, oder sogar zu sprechen. Insgesamt sind die Rückmeldungen zum Unterricht per Videokonferenz aber positiv. Das gemeinsame Lernen und das – wenn auch nicht immer perfekte – Meistern neuer technischer (und kommunikativer) Lösungen macht Spaß.

Den Großteil meines Fernunterrichts gestalte ich aber per E-Mail. Ich komme zuerst gar nicht dazu, mich erneut soweit in Moodle einzuarbeiten, bis ich die zentralen Funktionen beherrsche und zufrieden bin. Das frustriert. Aber die Schüler/-innen müssen ja jetzt sofort versorgt werden. Ich suche neue Aufgabenformate, Bewährtes muss umgeschrieben werden. Der Druck, im Blindflug dem Bildungsauftrag gerecht zu werden, ist groß.

Besonders stark im Vordergrund ist das Bemühen um die Abiturientinnen und Abiturienten und ihr Lernendspurt bis zu den Osterferien. Jetzt steht normalerweise das Wiederholen in Form von Präsentationen, Prüfungsimulationen und der Besprechung kniffliger Klausurformate an. Dies alles muss jetzt anders ablaufen. Dennoch gehen wir zunächst davon aus, dass wir nun auf Hochdruck noch den wichtigsten Abiturstoff als Wiederholung „füttern“ müssen, weil normalerweise ab Beginn der Osterferien eine Kontaktsperre zwischen ihnen und uns gilt.

Hier zeigt sich besonders, wie verzögert der Apparat Schule auf die Politik reagiert. Zu Beginn werden wir noch dazu angehalten, die Abschlussnote für das letzte Quartal zu erteilen. Auf „dünnem Eis“, weil ja erwartete Bewertungsgrundlagen nun entfallen. Die Notenmitteilung in der Q2 muss vor der Notenkonferenz erfolgen, also telefoniere ich mit jeder/jedem. Später wird dies wieder geändert, ihnen (und uns) wird mehr Zeit gegeben. Das entlastet. Andererseits: Ein Teil der Arbeit der letzten Wochen hat sich als unnötig herausgestellt. Und: Es entstehen neue Ungewissheiten. Wird eine normale Beschulung nach den Osterferien überhaupt möglich sein? Falls nicht, wie können wir alle gleichermaßen gut auf das nun verschobene Abitur vorbereiten? Irgendwie finden wir schon eine Lösung.

Manche „Ansagen von ganz oben“ zu Beginn erscheinen mir persönlich auch schwierig. Zum Beispiel der Versand der sogenannten „blauen Briefe“, von denen es zunächst heißt, sie müssten weiterhin versandt werden. Viele Kollegen haben in manchen Lerngruppen noch keine Klassenarbeiten geschrieben. Glücklicherweise werden durch eine spätere Anweisung die sogenannten „Mahnungen“ später ausgesetzt. Überhaupt: Fast täglich gibt es E-Mails mit Neuerungen und Änderungen, wie Schule jetzt abzulaufen hat.

Ähnlich wie bei den Schüler/-innen zu Hause ist bei mir Selbstorganisation und Zeitmanagement die größte Herausforderung: Der Tag beginnt mit To-Do-Listen bzw. ihrer Aktualisierung. Wann versorge ich wie welche Lerngruppe? Wie lange darf die Vorbereitung dauern, bis etwas „raus“ muss? Wie gehe ich mit den Rückmeldungen um? Jede E-Mail zu beantworten ist einfach unmöglich! Hätte ich doch mehr Zeit in Moodle investiert, dann wäre die Bewältigung des nun „Hereinströmenden“ einfacher gewesen. Aktuell versuche ich Ordnung und Übersicht zu behalten, indem ich in meinem E-Mail-Programm Ordner einrichte, um eintreffende Mails schneller einzelnen Gruppen zuordnen zu können.

Der E-Mail-Kontakt ist aber manchmal auch persönlich berührend. Ab und zu bekommt man einen Einblick in das nun veränderte Lernen (und das Familienleben), der einem sonst nicht möglich ist. Wie Eltern und Kinder ihren neuen Alltag bewältigen. Manchmal klingt durch, worin individuelle Belastungen liegen. Ich versuche dann auch mal einen Rat zu geben, der über die Schulaufgabe hinausgeht. Etwa, dass es in Ordnung ist, Aufgaben auch mal nicht „perfekt“ zu lösen. Dass man auch Eigenverantwortung übernimmt, wenn man etwas anders macht, sich eine eigene Lösung überlegt, oder einfach um einen kleinen Aufschub bittet.  Was die direkte Kommunikation zu einer speziellen Frage betrifft, ist das Telefonieren manchmal der beste Weg, gerade bei den letzten drängenden Fragen zur Facharbeit, die die Stufe Q1 auch pünktlich vor den Osterferien abzugeben hat.

Durch die eingesandten Arbeitsergebnisse – und auch durch direkte Rückmeldungen von Eltern oder den Schüler/-innen selbst – entsteht ein Bild, wie diese neue Form von „Schule“ am anderen Ende ankommt. Es ist ein komplexes, vielfältiges Bild: Neben jenen, die stark herausgefordert sind von dieser neuen Art Schule, gibt es andere, die recht entspannt ihre Aufgaben einfach abarbeiten. Manche Schüler/-innen scheinen sogar sehr gut mit der Situation klar zu kommen, arbeiten fleißig und selbstdiszipliniert, kommen zu tollen Ergebnissen. Ich bin manchmal richtig beeindruckt von ihrer Selbständigkeit und Ideen. Die meisten machen jetzt Riesensprünge.

Ich bin gespannt, wie die Wochen nach Ostern aussehen werden. Werden wir einfach wieder „normal“ zur Schule gehen? Das kann ich mir aktuell kaum vorstellen. Aber es ändert sich ja ständig auch die Einschätzung der Experten. Ich beginne bereits gedanklich zu planen. Was würde ich anders machen? Mehr Moodle. Auch als anderes Mittel der Kommunikation neben E-Mail und Videokonferenzen. Stärker auf bestehende digitale Angebote zurückgreifen. Mir mehr Zeit nehmen für interne (d.h. persönliche) „Mini-Fortbildungen“.

Nach den drei Wochen kann ich resümieren: Auf 180 durchgearbeitet. Immens viel gelernt. In ganz vielen Bereichen. Den „next level“ an Kooperation mit Schüler/-innen, Eltern und Kolleg/-innen erlebt. Den Kontakt dennoch oft vermisst. Nur die Osterferien sind wie immer: Keine Ferien – Korrekturen.

Lehrerin am GyH (anonym)

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